Via Vintage

in die Zukunft

MERCEDES-BENZ S-KLASSE

Das größte Facelift aller Zeiten bringt in der gebotenen Unauffälligkeit 6.500 Neuerungen für den König der Luxusklasse.

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ie Typenbezeichnung bleibt gleich, diesfalls W 222. Dennoch hat man sich die S-Klasse zur Brust genommen bei Daimler- Benz. Chefingenieur Hermann-Joseph Storp ist durchaus stolz auf die insgesamt 6.500 Neuerungen, die man per Facelift (Storp: „Das größte Facelift aller Zeiten!“) der erfolgreichsten Luxuslimousine der Welt angedeihen ließ. Sechseinhalbtau-

send Retuschen also, die man dem nach wie vor modernen wie schönen Luxus-Liner freilich nicht auf irgendwelche ersten Blicke ansieht. Bloß die optische „Entschlackung“ von Front- und Heckpartie ist klar zu erkennen, bringt den S-Klasse-Auftritt jenem der restlichen Limo-Plattemit Stern ein wenig näher und nimmt dem Wagen vor allem in der Langversion Wuchtigkeit.

Sonst spielen sich die Modifikationen vor allem unter der Motorhaube ab. „Alle Aggregate sind komplett neu“, sagt der Chefinge- nieur und so verlockend der 469 PS starke Achtzylinder im 560er, der ebenfalls neue V8 im S 63 AMG mit 612 PS und natürlich der V12 mit 530 PS im Grundmodell und 630 PS bei AMG oder Maybach auch sein mögen, schlägt sein Herz für die neuen Dreiliter-

Sechszylinder. Sie sind wie schon früher wieder in Reihe statt im V montiert und bringen damit einiges an Leichtfüßigkeit in die Luxusklasse. Die Diesel leisten 286 PS im S350d und 340 PS im S400d, bringen damit neue Rekorde ins Selbstzünderseg- ment mit Stern, sowohl puncto Leistung als auch beim Ver- brauch.

Noch mehr Eindruck schindet allerdings der neue V6-Benziner, den es mit 367 PS im S450 und als S500 mit 435 PS gibt. Da- mit erfährt der 500er bei Mercedes erstmals ein Downgrading von acht auf sechs Zylinder. Ein enttäuschter Aufschrei ist dies- bezüglich unnütz, Haptik und Feeling hängen dem alten Ach- tender um nichts nach. Das Zauberwort aus der Zukunft heißt hier 48 Volt-Technik, was motorentechnisch einer Art Soft-Hy- brid gleichkommt. Mit Startergenerator und eben jenem elek- trischem Verdichter schafft der S500 mit bis zu 520 Nm und ei- nem Sprintwert von 4,8 Sekunden locker die Leistungswerte des alten Achttopf, bloß mit einem Normverbrauch von 6,6 Li- tern, also nahe am Vierzylinder.

Der ganz neuen S-Klasse ist sportliches Fahren vom Wesen her fremd, wenngleich es sie wie immer auch im AMG-Trimm mit über 600 PS gibt. Viel spannender im Fahrbetrieb ist eher das Einklinken in eine völlig neue Welt der Assistenzsysteme, die beim aktuellen Facelift um die intelligente Verknüpfung von Navigationssystem und Fahrassistenz erweitert wurde. Dank der Verknüpfung mit aktuellen Here-Karten schauen die Helfer weiter voraus und passen das Fahrverhalten dem Streckenver- lauf an, der Lenkassistent (grundsätzlich nichts neues) gibt nun noch nachdrücklicher die Richtung vor, das Auto folgt ein bisserl wie von Geisterhand geführt dem Weg ans Ziel. Wer auch auf der Landstraße mit Tempomat fährt, bremst automa- tisch auch vor Kurven oder Kreisverkehren auf ein komforta- bles Tempo herunter und auf der Autobahn muss man künftig nur noch den Blinker antippen, damit die S-Klasse bei nächster Gelegenheit die Spur wechselt.

Weiters auf der Neuerungen-Liste: frische Energizing-Funktio- nen, bei denen Klimaanlage, Beduftung, Massage, das jetzt in

64 Farben changierende Ambientelicht und die Musikanlage sechs fein orchestrierte Wellness-Programme für alle Stimmungslagen bereit halten. Allein diese zu Erkunden ist ein Riesenvergnügen, das sich bei eingehender Beschäftigung damit locker über ein paar Tage ziehen kann.Mit großen Freuden empfangen wir Haptiker das nunmehr wieder mit drei Speichen ausgeführte Lenkrad (an die Blackberry-Taster gewöhnen wir uns sicher bald), das Touchpad in der Mittelkonsole lässt einen gar nicht bemerken, dass Mercedes das Verbauen eines Touchscreen strikt ablehnt.

Bleibt noch der fein dosierte Vintage-Faktor, den die frischeste S-Klasse eher unbewußt und daher nebensächlich mitführt: wir fei- ern die Rückkehr des legendären 560er in der S-Nomenklatur, das kann schon was. Und auch die diversen Designo-Intarsien in Tü- ren, Armaturentafel oder Mittelkonsole versprühen gekonnt den Charme der 30er-Jahre, Stichwort Nadelstreif. Insgesamt stuft sich der S-Benz ein weiteres Mal deutlich spürbar oberhalb des Mitbewerbes ein, zumal er aktuell auch in einer nie dagewesenen Viel- falt der Modellvarianten auftritt: von Limo (kurz/lang) über die diversen AMGs, den Maybach, die Pullman-Variante bis hin zu Cou- pé und Cabriolet gibt es nun wirklich für jeden Anspruch die passende S-Klasse.